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Vom Glanz-Löwen zum gründelnden Steinbock: Michael Schanze

"Wir nehmen doch gar nicht mehr wahr, was unsere Seelen und Körper wollen!"

Text: Thomas Reunert
Fotos: IKZ/Privat

 

 

Die Fotos, die gerade über die Datenleitung gelaufen sind, sind eigentlich keine Überraschung mehr. Gerade erst hat Michael Schanze so eindrucksvoll und leidenschaftlich über diese einfache, kleine Hütte auf dem Wildkogel gesprochen. Hat von dieser unglaublichen Ruhe in den Kitzbüheler Alpen geschwärmt. Von dem unwiderstehlichen Sonnenaufgang. Und nun kommen zum Beweis die Fotos, und sie decken sich mit den Bildern, die er bereits mit Worten im Kopf des Zuhörers gemalt hat.

 

Ausgangspunkt war eigentlich das Gespräch über die Freizeitaktivitäten des Mannes, der einst einen Großteil der Kinder-Fernsehnation mit seinem „Kinderquatsch“ oder Ausrufen wie „Ob Ihr Recht habt oder nicht, sagt Euch jetzt das Licht“ oder mit dem gekonnten Backen-Plopp in Verzückung versetzte, aber auch in der großen Samstagabend-Unterhaltung mit „Flitterabend“ oder „Hätten Sie heut’ Zeit für mich“ ein Stück deutscher Erfolgs-Fernsehgeschichte geschrieben hat.

 

Gerade hat er eine höchst erfolgreiche Tournee mit dem Zwei-Personen-Stück „Vier linke Hände“ beendet. Fällt man denn in ein Schwarzes Loch, wenn man wochenlang nach Plan durch die Lande gereist ist und nun plötzlich wieder sein eigenes Leben in den eigenen vier Wänden organisieren soll? „Da ist schon was dran“, sagt Michael Schanze und ergänzt, dass das fremd bestimmte Leben, z.B. auf Tournee, eigentlich für ihn fast das Angenehmere sei. Wenn er sich zu Hause selbst organisieren müsse, sei das schon etwas ungemütlicher. „Weil ich mich dann eigentlich auch zur Ruhe zwingen muss.“

 

Und jetzt reisen wir eben gedanklich auf diese kleine Selbstversorger-Hütte auf 2.100 Metern auf dem Wildkogel. Michael Schanze erzählt die Geschichte, wie er zum ersten Mal mit einer Sporttasche bewaffnet in eben dieser Hütte eines Freundes Einzug gehalten habe. In der Sporttasche seien in erster Linie Bücher gewesen, denn schließlich habe er sich ja auf einen Aufenthalt in Ruhe und Einöde entsprechend vorbereitet. Und in der ersten Nacht habe er dann auch vermeintlich stilgerecht im Bett gelegen. Mit Stirnlampe und völlig versunken in das erste mitgebrachte Buch. „Bis die Morgendämmerung kam. Da bin ich aufgestanden und habe gedacht: ‚Du bist doch bescheuert!’ Das hättest Du auch im Airport-Hotel in München haben können.“ Er habe sich von dem Buch völlig ablenken lasse und gar nicht diese wunderbare Atmosphäre um ihn herum gespürt. „Von dem Moment an habe ich die Bücher nicht mehr angerührt.“ Er habe sich nur noch treiben lassen auf dieser schier unendlichen Welle der Empfindungen.

 

Jetzt kommt noch eine Schanze-Wortschöpfung: „Kennst Du die geistige Umtagung?“ fragt er und meint damit, dass der Menschen einfach inzwischen viel zu vielen äußeren Einflüssen und Sinnesreizen ausgesetzt ist. „Was aber unsere Seele und unser Körper wirklich wollen, nehmen wir einfach nicht mehr wahr.“ Da könne eben die Natur mir mit ihrem durchaus „meditativen Charakter“ wieder auf den richtigen Weg helfen. Unter Umständen auch mit unkonventionellen Methoden: Zum Beispiel gebe es ja kaum etwas Schöneres, als mal für ein paar Minuten mit dem nackten Po im Schnee Platz zu nehmen.

 

62 Jahre ist der Kinder-Flüsterer und langjährige Anführer der Schwiegermutter-Wunschlisten heute. Mit 22 Jahren bereits sei er ja damals „in die Umlaufbahn des Erfolges“ geschossen worden. „Aber ich bin eigentlich nie weggeflogen.“ Wieder kommt dieses merkwürdige Gefühl in mir hoch. Ich höre einen fast lausbübisch redenden und klingenden Michael Schanze und registriere trotzdem irgendwie traurige Untertöne. Wobei vielleicht „traurig“ nicht ganz das richtige Wort ist. In der Erfolgsphase habe ihm sein Aszendent Löwe gut geholfen, aber heute käme eben immer mehr der gründelnde Steinbock durch, erklärt er den Klang der Nachdenklichkeit. Und Fakt sei schließlich auch, dass er inzwischen in einer Altersklasse unterwegs sei, in der man einfach auch nicht mehr die ganz großen Planungsschritte machen könne. Ein Gefühl, das ihm nicht wirklich zu behagen scheint. Aber er kann sich trotzdem auch mit der Erkenntnis arrangieren: „Wenn es schon nicht um ein weit entferntes Ziel gehen kann, dann ist eben der Weg das Ziel.“

 

So langsam wird klar, warum es die Kinder immer so gut mit Michael Schanze konnten. Vermutlich, weil sie Sensoren dafür haben, wer aus dem Herzen heraus mit ihnen spricht und agiert. Schanze selbst sagt, dass Kinder in der Lage seien, den aktuellen Moment viel intensiver zu erleben als der Erwachsene, „sie leben den Augenblick. Und nach der Devise „lebe den Augenblick“ lebe ich eigentlich auch.“

 

In so einem Augenblick kann er dann vermutlich auch sein selbst gekochtes Risotto im ebenfalls selbst gebackenen Parmesan-Körbchen noch eine Spur intensiver genießen. Und er kann vermutlich auch bestens – auch ohne die Stille der Hütte – nachdenken. Über das Leben. Über die Menschen. Und über sich. Also erfinden wir zum Schluss des Gesprächs noch eine ganz neue, dem Michael Schanze gewidmete, Tierkreiszeichen-Gattung: „Optimist, Aszendent Zweifler“.